"Nacht" von Andrzej Stasiuk

Herzhafte Groteske
Andrzej Stasiuks »Nacht« im Theater am Olgaeck, Stuttgart

Polen und Deutsche haben es immer noch schwer miteinander. Nach den deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg war schon die sozialistische »Völkerfreundschaft« zwischen den Nachbarn DDR und der Volksrepublik Polen nur eine von oben verordnete und also ziemlich herzlose. Womit wir schon beim Thema sind; denn Herzlosigkeit kann ein Anfang zu Besserem sein, wie uns Andrzej Stasiuk in seinem Theaterstück »Nacht« absolut glaubhaft versichert.

»Sie nahmen einen ordentlich schweren Wagen und fuhren einfach durchs Schaufenster rein.« Sie, das sind Polen, spezialisiert auf Autoklau und Juwelierladeneinbruch in Deutschland. Die beiden leichten Mädchen, die an der Straße stehen und sich gegenseitig kritisch beäugen - wie hoch die Absätze, wie kurz der Rock, wie üppig der Schmuck? - wissen, wann die Jungs zurück sein müssen und was für sie dabei herausspringt. Zwei Kumpels, die einen Dritten erwarten, leisten ihnen Gesellschaft. Es ist dunkel, man tanzt und geht die Vorzüge deutscher Automarken durch. Dann fällt ein Schuss. Einen der Polen hat es getroffen.

Die beiden Männer schicken die Frauen weg, werfen ein schwarzes Tuch über ein Krankenbett und vollziehen die Totenklage nach ihrer Art mit Wodka und munterem Vergleichen zwischen den Nachbarn im Osten und Westen. Da sind die Russen, die keine Hemmungen haben beim Töten und es zufrieden sind, keine guten eigenen Autos zu haben; und da sind die Deutschen mit Daimler und BMW und einem Mordsrespekt vor den Russen. »Sie glauben, sie können alles auf der Welt. Aber Russe sein können sie eben nicht...«

Als sich die Männer volltrunken zurückziehen, kommen zwei alte Frauen, die große Töpfe säubern und sich dabei ihre Geschichten von und mit Deutschen und Russen erzählen.

Im Theater am Olgaeck gibt Regisseur Vladislav Grakovskiy, der auch bei der Uraufführung 2005 im Düsseldorfer Schauspielhaus Regie führte, den Schauspielern keinerlei Requisiten an die Hand außer einer Krankenhausbahre auf Rädern. Die Bühne der deutsch-polnischen Beziehungen wird begrenzt von den Sitzreihen des Publikums - Stasiuks Plot beschreibt sie auf der untersten Etage. Den Schuss, den hatte ein Juwelier abgegeben, als er ein Auto ins Schaufenster seines Ladens krachen hörte. Und die Aufregung über das Tohuwabohu, das die Polen in seinen Gold- und Brillantenauslagen angerichtet hatten, ruinierte seine Pumpe - angesagt ist jetzt eine Herztransplantation.
Szenenwechsel: ein deutscher Operationssaal.

Als Ärzte und Schwestern ihre Arbeit beginnen wollen, wacht der Juwelier auf, erkundigt sich nach dem Spender, und alle Schleusen seiner Slawen-Phobie brechen auf. Laut polternd - dem verehrten Publikum zuliebe in breitem Schwäbisch - verlangt er ein anderes Herz, ein deutsches, zur Not auch ein schwedisches oder holländisches. Erst die Versicherung, der Spender sei ein polnischer Germanist, kann ihn be­ ruhigen. Derweil hat der von seiner akademischen Beförderung nichts ahnende Spender eine Begegnung mit seinem Schutzengel, Typ Polizistin in Weiß. Als sie ihm Vorwürfe macht und Buße verlangt, bricht's aus ihm heraus: »Ich habe getan was alle tun. Ich habe begehrt und meine Begierde befriedigt. Ich habe Polizisten, Journalisten und Versicherungsgesellschaften mit Arbeit versorgt.« Eine Medaille von Mercedes, BMW und Opel habe er verdient. Dann bittet er sie, ihn ein letztes Mal zu beseelen.

Mit Erfolg. Wundersam, was nach erfolgreicher Transplantation das polnische Chaotenherz im Körper des schießwütigen deutschen Ordnungsfanatikers bewirkt: »Sobald ich hier raus bin, schaff ich mir ne rote Corvette an.« Das Tauschprinzip »Westliche Autos und Brillanten für Organe aus dem Osten« gewinnt so verblüffend an Leben.

Ein Herz und eine Seele sind der Regisseur und das Ensemble (in multiplen Rollen: Valérie Lillibeth, Bianca-Sarah Kreiß, Roland Blessing, Alexander Friedmann, Ferdinand Rother).
Stasiuks »Nacht«: eine funkelnde Groteske, stellenweise nah am Kabarett, von Herzen kommend und zu Herzen gehend.

Gabriele Hoffmann
Kultur Zeitung 182, November 2008
http://www.kulturgemeinschaft.de/zeitung001.aspx?E1=4&E2=2&ID=1748