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Krisenmanagement: Die Gaunereien des Scappino
"Die Gaunereien des Scappino" im Sommertheater am Alexanderplatz, Berlin

In der Commedia sind die alten Herren reich und – wahlweise oder kombiniert – dumm, eitel, geizig, cholerisch. Die Jungen liegen meist im Hormondelirium. Den Überblick hat allein die Dienerschaft, die helfend dazwischen funken soll und die das dabei entstehende Chaos weidlich für ihre Zwecke ausnutzt.
Molière reizt dieses klassische Setting in seinem späten Stück nochmals bis zum Anschlag aus: Der Diener als Anarchist, der alle nach seiner Pfeife tanzen lässt. Scappino heißt er. Er ist ein Oberschlitzohr und ein begnadeter Strippenzieher. Zu regeln gibt es schließlich jede Menge. Denn während einer Reise ihrer Väter haben sich zwei unbeaufsichtigte Jungs auf Freierspfade begeben. Octavio, der nach Papas Plan kurz vor der Hochzeit mit einer noblen Dame steht, hat im Geheimen ein wohlerzogenes, aber armes Waisenmädel geehelicht. Sein Freund Leandro ist für eine Zigeunerin entflammt. Das finden die zurückgekehrten Alten natürlich gar nicht gut. Scappino soll’s richten, doch den haben bereits die Jungen für ihre Zwecke eingespannt.

Ein wunderbarer Stoff fürs sommerliche Bratwursttheater. Wenn der Zuschauer mit dem Gefühl nach Hause geht, dass Anarchie sehr lustvoll sein kann, dann reicht das als Aussage. Dass das funktioniert, das liegt vor allem an Moritz Gaa. Sein Scappino wedelt jedem Affen mit der richtigen Banane vor der Nase. Mit akrobatischer Frechheit ist er der Diener aller Herren, ein Krisenmanager, der vom Verhaltenscoaching für die Jungs bis zur Angstmache bei den Alten sämtliche Register beherrscht. Die leere Kirchenruine in der Klosterstraße gibt dafür eine stimmungsvolle Kulisse, in der sich die Schauspieler ganz auf ihren Körperausdruck verlassen. Es wird geplustert und getrippelt, je größer, desto besser, aber immer im Sinne der Figuren. Ein praller Spaß.

Regie:Vladislav Grakovski; mit Moritz Gaa, Alexander Klages, Michael Hecht

Gerd Hartmann
Magazine "Zitty Berlin" 12.August 2009
http://www.zitty.de/kultur-buehne/47854

Schnee drüber
Agatha Christies »Mausefalle« im Theater am Olgaeck

Sein Akzent changiert zwischen harten russischen Konsonanten und charmantem französischen Singsang. Dieser Mann, der aus der Kälte kam und der sich Mister Paravicini nennt, könnte es gewesen sein. 0der war es der kindische Luftikus Christopher Wren, der mit leerer Tasche in der kleinen englischen Pension »Mausefalle« eingecheckt hat? Mit leichtem Gepäck reist auch die unnahbare und burschikose Miss Casewell, die sich durch ihre diversen Anspielungen verdächtig macht. Nicht nur beim ruhigen Major Metcalf unbeliebt gemacht hat sich dagegen die alte Mrs. Boyle, die im muffigen Ladylook einen Eichhörnchenpelz am Kragen trägt - bis ihr einer die Hände um den Hals legt und zudrückt. Schließlich gab es ein schlechtes Omen: Zuvor war ja auch schon die Telefonleitung tot.

Zwei Morde gehen in Agatha Christies Krimikomödienklassiker »Die Mausefalle« auf das Konto eines Triebwürgers, der sich im neu eröffneten Hotel der patenten Molly Ralston und ihres Biederehemanns einquartiert haben soll. Einen dritten hat der Täter angekündigt. Doch der angereiste Sergeant ist in Wirklichkeit keine todsichere Schnüff¬ lernase wie Miss Marple. Als Aufklärungsarbeiter gleicht dieser Detective Trotter eher einem schwerfälligen Dorftrottel, als Pseudopolizist tut er am Ende alles andere als seinen Job. Immerhin: der Naturbursche kommt auf Skiern in der komplett eingeschneiten Pension an.
Eine schönere Kaltfront hätte man sich im Theater am Olgaeck nicht wünschen können. Draußen friert es und drinnen bollern die Heizkörper auf höchster Stufe. »Schnee drüber«, rät Christopher leichthin der verbitterten Miss Casewell, die sich daran erinnert, als Kind misshandelt worden zu sein. Ihr Bruder wurde damals vor ihren Augen sogar zu Tode gequält von der Pflegemutter, einer Farmerin, die nun als erste dem ominösen Mörder zum Opfer fiel.
Letztlich haben aber alle, die in der mit gelben Tapeten und plüschigen Ohrenbackensesseln eingerichteten Mausefalle sitzen, ein Motiv. So ist das bei Christie üblich. Da beißt die Maus keinen geschickt eingefädelten Fa¬ den ab.
Mit steif und be¬ häbig wirkendem Mobiliar hat der Regisseur Marcus Helm die Bühne ausgestattet. Weitgehend betulich wirkt denn auch das Katz- und Mausspiel auf der Bühne. Miles Pitwell gibt als clownesker Chaot Christopher den Publikumserschrecker. Bianca-Sarah Kreiß bekommt als blasse Pensionswirtin Molly vor bassem Staunen kaum den Mund zu. Und Roland Blessing als Sergeant wirkt im unspektakulären Showdown, als würde er sich lieber in einem Mauseloch verkriechen. Allein Vlad Grakovskiy als anzüglicher Paravicini verleiht dem Treiben im Schnee bis zum Schluss eine mysteriöse Note. Nicht zuletzt deshalb, weil er unheimlich mit den Augen rollen kann.

Teresa Bast
Zeitung Kultur, № 185, Februar 2009
http://www.kulturgemeinschaft.de/zeitung001.aspx?E1=2&E2=4&ausgabe=185

Herzhafte Groteske
Andrzej Stasiuks »Nacht« im Theater am Olgaeck, Stuttgart

Polen und Deutsche haben es immer noch schwer miteinander. Nach den deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg war schon die sozialistische »Völkerfreundschaft« zwischen den Nachbarn DDR und der Volksrepublik Polen nur eine von oben verordnete und also ziemlich herzlose. Womit wir schon beim Thema sind; denn Herzlosigkeit kann ein Anfang zu Besserem sein, wie uns Andrzej Stasiuk in seinem Theaterstück »Nacht« absolut glaubhaft versichert.

»Sie nahmen einen ordentlich schweren Wagen und fuhren einfach durchs Schaufenster rein.« Sie, das sind Polen, spezialisiert auf Autoklau und Juwelierladeneinbruch in Deutschland. Die beiden leichten Mädchen, die an der Straße stehen und sich gegenseitig kritisch beäugen - wie hoch die Absätze, wie kurz der Rock, wie üppig der Schmuck? - wissen, wann die Jungs zurück sein müssen und was für sie dabei herausspringt. Zwei Kumpels, die einen Dritten erwarten, leisten ihnen Gesellschaft. Es ist dunkel, man tanzt und geht die Vorzüge deutscher Automarken durch. Dann fällt ein Schuss. Einen der Polen hat es getroffen.

Die beiden Männer schicken die Frauen weg, werfen ein schwarzes Tuch über ein Krankenbett und vollziehen die Totenklage nach ihrer Art mit Wodka und munterem Vergleichen zwischen den Nachbarn im Osten und Westen. Da sind die Russen, die keine Hemmungen haben beim Töten und es zufrieden sind, keine guten eigenen Autos zu haben; und da sind die Deutschen mit Daimler und BMW und einem Mordsrespekt vor den Russen. »Sie glauben, sie können alles auf der Welt. Aber Russe sein können sie eben nicht...«

Als sich die Männer volltrunken zurückziehen, kommen zwei alte Frauen, die große Töpfe säubern und sich dabei ihre Geschichten von und mit Deutschen und Russen erzählen.

Im Theater am Olgaeck gibt Regisseur Vladislav Grakovskiy, der auch bei der Uraufführung 2005 im Düsseldorfer Schauspielhaus Regie führte, den Schauspielern keinerlei Requisiten an die Hand außer einer Krankenhausbahre auf Rädern. Die Bühne der deutsch-polnischen Beziehungen wird begrenzt von den Sitzreihen des Publikums - Stasiuks Plot beschreibt sie auf der untersten Etage. Den Schuss, den hatte ein Juwelier abgegeben, als er ein Auto ins Schaufenster seines Ladens krachen hörte. Und die Aufregung über das Tohuwabohu, das die Polen in seinen Gold- und Brillantenauslagen angerichtet hatten, ruinierte seine Pumpe - angesagt ist jetzt eine Herztransplantation.
Szenenwechsel: ein deutscher Operationssaal.

Als Ärzte und Schwestern ihre Arbeit beginnen wollen, wacht der Juwelier auf, erkundigt sich nach dem Spender, und alle Schleusen seiner Slawen-Phobie brechen auf. Laut polternd - dem verehrten Publikum zuliebe in breitem Schwäbisch - verlangt er ein anderes Herz, ein deutsches, zur Not auch ein schwedisches oder holländisches. Erst die Versicherung, der Spender sei ein polnischer Germanist, kann ihn be­ ruhigen. Derweil hat der von seiner akademischen Beförderung nichts ahnende Spender eine Begegnung mit seinem Schutzengel, Typ Polizistin in Weiß. Als sie ihm Vorwürfe macht und Buße verlangt, bricht's aus ihm heraus: »Ich habe getan was alle tun. Ich habe begehrt und meine Begierde befriedigt. Ich habe Polizisten, Journalisten und Versicherungsgesellschaften mit Arbeit versorgt.« Eine Medaille von Mercedes, BMW und Opel habe er verdient. Dann bittet er sie, ihn ein letztes Mal zu beseelen.

Mit Erfolg. Wundersam, was nach erfolgreicher Transplantation das polnische Chaotenherz im Körper des schießwütigen deutschen Ordnungsfanatikers bewirkt: »Sobald ich hier raus bin, schaff ich mir ne rote Corvette an.« Das Tauschprinzip »Westliche Autos und Brillanten für Organe aus dem Osten« gewinnt so verblüffend an Leben.

Ein Herz und eine Seele sind der Regisseur und das Ensemble (in multiplen Rollen: Valérie Lillibeth, Bianca-Sarah Kreiß, Roland Blessing, Alexander Friedmann, Ferdinand Rother).
Stasiuks »Nacht«: eine funkelnde Groteske, stellenweise nah am Kabarett, von Herzen kommend und zu Herzen gehend.

Gabriele Hoffmann
Kultur Zeitung 182, November 2008
http://www.kulturgemeinschaft.de/zeitung001.aspx?E1=4&E2=2&ID=1748

Frauen in der Provinz
»Casting in Kursk« im Theater am Olgaeck, Stuttgart

Kursk ist Provinz. Ein schäbiger kleiner Ort im Nirgendwo, weit weg von Moskau. Eine Verlierergemeinde in den Weiten Russlands, wo es kaum Hoffnung gibt, nur das öde Dasein zwischen arbeitslosen Männern, zänkischen Nachbarinnen und kriminellen Kindern. Frust beherrscht die Gesellschaft und zugleich eine unausgesprochene, aber starke Sehnsucht, von dort wegzukommen. Schon zwei Satzfetzen aus dem Stück »Casting in Kursk« von Alexander Galin kennzeichnen das Lebensgefühl der Figuren: »Hier treiben es Idiot und Idiotin« und »Unsere Männer sterben an Minderwertigkeitskomplexen«.

Im Jahr 2000 wurde »Casting in Kursk« in Moskau uraufgeführt. Sechs ganz unterschiedliche Frauen führt Alexander Galin in seinem Drama zusammen. Sie begegnen sich in einem schäbigen Nebenraum des einzigen Dorfkinos, gelockt von einer Anzeige, die ihre Sehnsüchte noch geschürt hat. Der reiche Japaner Aoki reist nämlich durch die russische Provinz – auf der Suche nach Mädchen. Jobs in der Unterhaltungsindustrie des fernen Ostens verspricht er – doch gemeint sind Tabledancing und ähnliche Männervergnügen in Singapur, Hongkong und anderen asiatischen Boomtowns.
Doch so genau wollen es die sechs Damen gar nicht wissen. Allgemeine Auflösung und Hysterie prägen jetzt die Stimmung in der kleinen Stadt: »Seit dieses Casting annonciert ist, ist Kursk wahnsinnig.« Genau aus dieser Mixtur aus Tragik, Komik, psychologisierendem Realismus und Melancholie zieht das Stück, nun auf dem Spielplan des Theaters am Olgaeck, seine Kraft.

Olga (Diana Mayer) ist eine in der Ehe gut versorgte, gelangweilte, nicht mehr ganz junge Dorfschönheit, die genau weiß, was Tedzusin Aoki sucht. Entsprechend offenherzig zeigt sie ihre Brüste, kokettiert an der Grenze zwischen Charme und Gossenjargon, der das Straßenmädchen verrät, das sie mal war. Ihren Gegenpart stellt die bis oben hin zugeknöpfte Nina (Nicki Liszta) dar; eine verkopfte und verkrampfte Geisteswissenschaftlerin, verheiratet mit einem arbeitslosen Akademiker, der außer mehreren Abschlüssen und Doktortiteln nichts vorzuweisen hat. Immer wieder stoßen diese beiden Frauen aneinander im Bemühen, Distanz zu wahren und sich doch näher zu kommen.
Zickigkeit, Zynismus, Arroganz und Tagträumerei sorgen für die Kontraste in diesem spannungsgeladenene Stück. Tamara (Maxi Bitsch) hält sich krampfhaft an ihrem Akkordeon fest und will einfach nur von ihrem trinkenden jähzornigen Mann weg. Die beiden Schwestern Katja (Esther Maaß) und Lisa (Gabi Weller) hüpfen wie aufgedrehte Hennen über die Bühne, kichern, gackern und sehnen sich nach einer goldenen Zukunft, die sie sich durchaus realistisch vor Augen führen: Obwohl beide noch keine zwanzig Jahre alt sind, haben sie im »Hotelgewerbe« schon einschlägige Erfahrungen gemacht und zeigen ihre »Talente« in einer herrlichen Nummer, die in schönster Ballettpose beginnt und schnell zum Disco- und Tabtedance mutiert. Erst bei diesen Russen¬Pop-Klängen begreift ihre Mutter Warwara (Diane Marstboom), was sie da für Früchtchen herangezogen hat, und reagiert in einer hilflosen Mischung aus Wut, Fürsorge und Hoffnung.

Starke Charakterbilder sind dem Autor Alexander Galin gelungen, Vladislav Grakovskiy hat sie in einer temporeichen Inszenierung auf die Bühne gebracht und arbeitet intelligent an der Entwicklung der Figuren. Die alte Warwara poltert lautstark und betrunken in den Wartesaal des Castings und schmeißt eine Wodka- und Kümmel-Runde nach der anderen, bis sie die Hintergründe dieser Aktivitäten begreift. Das dauert, denn die Damen passen mehrheitlich überhaupt nicht in das Raster des reichen Japaners. Kommentar seines Assistenten Albert: »Überall war es normal – nur hier kommen die Alten und die Merkwürdigen.« Aoki selbst ist nie zu sehen oder zu hören, präsent ist er nur als anonyme Größe außerhalb des Bühnenraums, quasi gespiegelt durch seinen Assistenten und Übersetzer (Sebastian Huber); auf ihn übertragen die Frauen ihre zunehmende Frustration, an ihm lassen sie auch ihre Wut aus – bis er sich mit den Frauen solidarisiert.

Wenn diese ihr »Talent« unter Beweis stellen, provoziert das natürlich die meisten Lacher in der kurzweiligen und amüsanten Produktion. Die alte Warwara, der Motor des Geschehens, macht auch hier den Auftakt und plärrt das jiddische Volkslied »Tum¬balalaika« – nicht schön, aber mit Verve. Die verklemmte Nina schlängelt sich grotesk auf, unter und zwischen den Stühlen herum, begleitet von Akkordeonklängen. Was zickig und kompetitiv begonnen hat, führt über die parodistischen »Talentproben« der Kandidatinnen letzlich zu solidarischem Schulterschluss. Am Ende sind es nur die jungen Mädchen Katja und Lisa, die Aoki nach Singapur begleiten. Die anderen bleiben enttäuscht zurück, wieder konfrontiert mit dem täglichen Frust in Kursk.

Markus Dippold
Kultur Zeitung, April 2007
http://www.kulturgemeinschaft.de/zeitung001.aspx?E1=4&E2=2&ID=706