Neue Kritik für alte Premiere
Der menschliche Makel ist universell
Stuttgarter Nachrichten, Nr. 31, Montag, 8. Februar 2010
Von Brigitte Jähnigen
„Tschechows Scherze“ stand am vergangenen Wochenende auf dem Premierenspielplan im Theater am Olgaeck…
…Das komödiantische Quartett… trägt gemeinsam, allen voran Grakovskiy mit Stimmgewalt und großen theatralen Geste Tschechows Botschaft ins Publikum - Der menschliche Makel ist universell. Auch hinter den biedersten menschlichen Fassaden lauern ungebremste Leidenschaften.
In alten Filzpantoffeln
Stuttgarter Zeitung, Nr. 32, Dienstag, 9. Februar 2010
Von Adrienne Braun
Nackt ist die Bühne in der neuen „Kirschgarten“- Inszenierung am Schauspielhaus, und mancher Besucher wird wohl Plüsch und Plunder vermissen, der bei Tschechow-Stücken so gern auf die Bühne kommt. Im Theater am Olgaeck wird man damit nun bestens versorgt: Sofa und Samowar, Wodkaflaschen und russischen Weisen- bei „Tschechows Scherze“ wird all das bedient, was man gemeinhin mit dem Begriff Werktreue verbindet…
Es geht um liebende Streithammel. Hier will einer von einer Witwe Geld eintreiben, und je energischer sie sich weigert, und ihn sogar zum Duell fordert, desto mehr entflammt er. Im „Heiratsantrag“ kann der Nachbar seinen Antrag nicht vorbringen, weil die Hitzköpfe in Streit geraten, wessen Hund der bessere ist, der „schwachkiefrige“ oder der „teilschenklige“. Das sind amüsante Stöffchen über gewöhnliche Kleingeister. Vladislav Grakovskiy als Liebhaber ist überzeugend…
Schwachkiefrig, steilschenklig
Kultur Zeitung, Nr. 196, März 2010
Von Adrienne Braun
...Gespielt werden zwei Einakter von Anton Tschechow: »Der Bär« und »Der Heiratsantrag«. Beide Stücke hatte das Olgaeck bereits auf dem Spielplan, jetzt sind sie in weitgehend neuer Besetzung herausgekommen.
Es geht turbulent zu in dieser schäbigen Wohnstube. In »Der Bär« will einer bei der Witwe sein Geld eintreiben, aber da sie ihn hinhalten will, geraten die beiden fürchterlich in Streit - um sich plötzlich unsterblich ineinander zu verlieben. Streit gibt es auch in »Der Heiratsantrag«, wo einer seiner Nachbarin eigentlich einen Antrag machen will, sich aber beide auch ständig in die Haare kriegen, und die Fetzen fliegen. Wer hat den besseren Hund? Wütend rufen sie »Ich! Ich! Ich« und werfen sich tolle Begriffe um die Ohren: »schwachkiefrig« sei des anderen Hund, »steilschenklig«, mit »zu kurzer Beißleiste«.
Liebe, Lust und Wut liegen eben oft dicht beieinander, lehrt Tschechow - auf durchaus amüsante Weise… …Vladislav Grakovskiy… meistert seine Rollen souverän…
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